Leben

Bis es mir vom Leib fällt

So heißt ein Upcycling Store in Berlin, eine Veränderungsschneiderei, um genau zu sein. Früher hieß sowas Änderungsschneiderei. Dort wurden altersschwache Kleidungsstücke überarbeitet. Und heute? Darf denn eine Klamotte in Würde altern?  Zum Beispiel mein Lieblings-Kapuzenshirt von Adidias. Wann ist etwas echt alt? Wann ist es Zeit zum Wegwerfen? Wann muss man sich von einem Kleidungsstück trennen?

Es gibt so Teile, da braucht es schon ein paar deutliche Worte von der besten Freundin, damit man sich trennt. Doch muss das denn so sein? Wann ist denn die Halbwertszeit und wann ist Schluss? Wer bestimmt das und wann ist das abgewetzte dann plötzlich wieder cool, weil „used look“ oder tolles „vintage“ oder so?

Bei einem Schuster in Wiesbaden hatte ich erlebt, dass ein sehr geschmackvoller, reicher Geschäftsmann dort seine Schuhe abgab und das sehr regelmäßig. Ja, genau, er brachte seine guten Leder-Schuhe immer wieder zum Schuster und ließ sie dort wieder auf Vordermann bringen. Immer wieder. Die Schuhe sahen gut und gepflegt aus, obwohl bestimmt schon einige Jahre alt. Damals lachte ich darüber, doch heute fällt mir die Geschichte wieder ein. Denn was diese Schuhe wirklich hatten, das war:

Einzigartigkeit & etwas wirklich Individuelles.

Genau das fehlt uns heute doch oft bei den schnellen Trends und „dressed for the moment“ Allüren. Okay, das macht schon mal Spaß, aber ICH bin dann nicht sichtbar.

Durch meine Ausbildung zur Stilberaterin hatte ich schon eine Idee davon bekommen, inwieweit Kleidung die Persönlichkeit unterstützt. Bei der Innatex und dem Treffen mit Kirsten Brodde, die nun bei Greenpeace die Detox Campaign verantwortet, hatte sich das Thema wieder in Erinnerung gerufen.

Just in dem Moment stellte ich fest, dass mein ein-und-alles Kapuzenshirt erste Ermüdungszeichen zeigt: Ärmelbünden abgewetzt. Uh, darf ich das dann noch tragen?  Das ist ja kaputt?! Ja eben, used-look. Haste ’n Problem damit?

Es gibt unzählige Fotos mit mir und diesem grauen adidas Kapuzenshirt. Es begleitet mich seit Jahren, nein, schon seit Jahrzehnten… im Urlaub, zum Yoga, im Garten, an kühlen Regentagen, an Sommerabenden. Gekauft hatte ich es bei einem Roadtrip durch die USA im Adidas Store in San Francisco. Hach, lang ist’s her. Da war ich noch nicht einmal verheiratet. Das war vielleicht 2009 oder so.

Muss das jetzt weg? Ich bin mir sicher, meine Oma hätte jetzt aus ihrem Nähkörben irgendwelche alten Bündchen gezaubert und die abgewetzten ausgetauscht und eben repariert was kaputt ist.

Up-Cycling

So würde man das heute nennen. Momentan ist Arbeitszeit immer noch zu teurer als Neukauf. Eine Änderungsschneiderin um die Ecke hat (hoffentlich) einen höheren Stundenlohn als die Näherin in Bangladesch, die die Neuware produziert. Es ist nun mal so, dass die Hersteller vor allem in Billiglohnländer produzieren, doch die Zeiten ändern sich und innovative Modefirmen gehen schon heute neue Wege:

In #Berlin hat man die Wahl: Neue Jeans kaufen, die alte Jeans reparieren und ändern lassen oder eine andere geänderte Jeans kaufen. Das finde ich cool! Mehr zu den Upcycling-Initiativen findet ihr hier (klick) oder hier (klickklick) oder auch hier< (nochmalklick)  Für euren nächsten Berlin-Besuch habe ich hier auch einen Stadtplan mit den hippen Upcycling-Shops. Ich bin diese Woche dort und mache mich schlau und werde berichten.

Mein Kapuzenshirt darf vorerst in Würde altern. Es wird jetzt nicht mehr so oft getragen und auch nicht mehr zu strapaziösen Auslandsreisen oder sportlichen Aktivitäten, sondern mehr daheim auf der Couch… love used-look!

Mein adidas Hoodie und ich, Djerba (Tunesien 2010)

…im besagten adidas Hoodie, Djerba (Tunesien 2012)

2 Kommentare

  1. Liebe Gisela,
    ja, so ist es leider meist – am schönsten sind sie kurz vor dem Kaputtgehen… Danke für für Deinen Kommentar und viele Grüße, Bärbel

  2. Liebe Bärbel,
    ich mag meine schon oft getragenen Kleidungsstücke auch am liebsten. Sie gefallen mir gut, sonst hätte ich sie nicht so oft angezogen und irgendwie haben sie sich meiner Figur im Laufe der Zeit angepasst. Am schönsten sind sie kurz bevor sie kaputtgehen.
    Liebe Grüße von Gisela von den Vorlesern

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