Leben

Lebe im Hier und Jetzt

Lebe wild und unersättlich, lebe im Hier und Jetzt – das empfehlen uns Coaches und Lebensberater. Dabei ist das gar nicht so einfach. Oft warten wir ab mit „dem richtigen Leben“, bis wir endlich wieder in Kleidergröße 38 passen, bis wir endlich wieder einen Partner gefunden haben, bis endlich mal wieder die Sonne scheint, bis endlich der Pickel abgeheilt ist…

Ja, und was dann?

Lebensweisheiten, kostenlos und unverbindlich – von und mit Farbenfreundin. Heute bin ich mal sehr persönlich und erzähle von meiner Mutter. Sie ist inzwischen über Achtzig, hatte ein bewegtes Leben mit Krieg (geboren 1933… ) und einer Jugend in den Aufbaujahren, vier Kinder in die Welt gebracht, viel Arbeit und auch viel Erfolge, viele Reisen und schöne Hobbies – doch inzwischen die Diagnose Demenz.

Die Gedächtnisleistung nimmt stark ab. Das macht das Leben nervig. Freude ziehen sich zurück, man ist nicht mehr gesellschaftsfähig und es macht auch eh alles keinen Spaß mehr. Für mich als Tochter sind die regelmäßigen Besuche sehr anstrengend, doch ich lerne jedes Mal auch wieder etwas für mich.

Zunächst werde ich komplett ausgebremst. Ja, als Großstädter hat man schon ein krasses Tempo drauf, das mit der Lebensgeschwindigkeit auf dem Land nicht zusammenpasst – schon gar nicht im Seniorenwohnheim. Schon gar nicht gegenüber einer Achtzigjährigen.

Entdeckung der Langsamkeit

Ich passe mich dem langsamen Tempo an. Bringt ja alles nichts. Es gibt ja noch nicht mal Internet im Taubertal. Dabei werde ich aufmerksamer und bedächtiger, spüre meinen Atem, spüre meine Füße wie sie auf der Erde stehen und merke, wie die Welt sich weiter dreht – und ich trotzdem mein eigenes Süppchen kochen kann. Alles ist möglich. Was zählt ist das Hier und Jetzt. Nichts anderes.

Schmeckt der Saft, duftet der Kaffee, mundet der Kuchen. Drückt der Schuh. Leuchtet die Blume. Scheint die Sonne oder regnet es gegen die Scheibe. Macht der Film Spaß oder nicht. Ist der Witz lustig oder nicht. Früher haben wir in Gesprächen gerne mal über den letzten Restaurantbesuch oder den letzten Sommer gesprochen, doch mit der Demenz verschwindet die Erinnerung. Andererseits, über zukünftige Termine und Veranstaltungen zu sprechen, macht auch keinen Sinn, denn das Gesagte gerät direkt in Vergessenheit.

Was zählt ist das Hier und Jetzt. Genauso für mich. Den Moment genießen und gestalten – es könnte der letzte sein. So anstrengend die Besuche im Seniorenparadies für mich sind, so dankbar bin ich für diese Lehre. Auf Neudeutsch nennt man das heute Achtsamkeitstraining. Ja, so etwas in der Art ist das. Man schaut nur auf den Moment. Egal ob die Frisur sitzt oder was Morgen ist.

Lebe! Jetzt und sofort.

12 Kommentare

  1. Liebe Bärbel,
    ich finde es sehr bewegend, was du mit uns teilst. Vielen Dank dafür!
    CARPE DIEM
    Liebe Grüße, Stefanie

  2. AnneH sagt

    Mir fehlen die Worte … Vielen Dank.

  3. Dooris sagt

    Hallo,
    sehr schön geschrieben, ich mag ja den Satz. „alles hat seinen Sinn“, man muss es nur erkennen, für diese Krankheit heißt das, das nur der Moment wichtig ist. Der wichtigste Moment ist hier und jetzt !! Für uns alle
    liebe Grüsse Dooris

  4. Liebe Angela, schön, dass Du bei mir im Blog vorbei schaust. Ich freu ich auch immer über Deine Postings bei Facebook & Co. Danke für Deinen Kommentar! Herzliche Grüße, Bärbel

  5. Hallo liebe Katy, vielen Dank für Deinen Kommentar. Freut mich immer sehr, wenn ich Rückmeldung erhalte.
    Schöne Grüße
    Bärbel

  6. Katy sagt

    Vielen Dank für diesen tollen Post und dafür dass Du darüber schreibst, Wie Du Mit dieser schwierigen Situation umgehst. Viele Grüße von einer Wiesbadenerin 🙂

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