Leben

Einen langen Atem haben

Für manche Projekte braucht es geballte Tatkraft, sozusagen entfachtes Feuer, damit Dinge in Bewegung kommen. Doch was, wenn die erste Euphorie dahin ist? Wenn Probleme auftauchen, wenn Gegenwind das Projekt behindern? Dann ist Durchhaltevermögen gefragt, der sprichwörtlich lange Atem.

Der Vienna City Marathon in diesem Jahr war ein tolles Ereignis. Internationale Läufer aus insgesamt 129 Nationen joggten durch die Wien-Metropole, vorbei an prunkvollen Gebäuden – was ein großes Happening! Ich bin so froh, dabei gewesen zu sein und habe ganz tiefe Erfahrungen gemacht.

Was habe ich gelernt?

Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit hat die Vierzigtausend Läufer zusammen gehalten. Kein Gerangel, keine fiesen Ellenbogenkämpfe, denn Menschlichkeit geht vor! Dazu hatte ich wunderbare Gesprächen mit anderen Teilnehmern, die mich allesamt inspirierten und begeisterten.

Die Wiener Melange.

Wien ist toll! In den letzten 10 Jahren hat sich das Stadtbild entwickelt. Kühne Architektur trifft auf Tradition. Eine beeindruckende Mischung (mehr dazu in den nächsten Tagen)! Was mir immer wieder einen Lacher entlockte: Die lässige Wiener Art. Dazu das Wienerisch, das zugegeben, ein kleines bisschen trotzig wirkt… Eine tolle Mischung, die ich ab sofort Wiener Melange nenne.

Am Ende wird alles gut.

Kennt ihr den Spruch „da braucht man einen langen Atem“? Das gilt für bestimmte Projekte im Leben genauso wie für einen langen Lauf. Neben den vielen tollen Erlebnissen, die ich beim Vienna City Marathon hatte, war dies meine eindringlichste Entdeckung.

Ja, ich kann schon ungeduldig sein. Projekte, die nichts taugen oder mir nicht passen, werden abrupt über Bord geworfen. Manchmal zu früh und zum Schrecken meiner Mitmenschen, die mich als unstet erleben. Das ist aber nicht immer so, denn manchmal geht es auch anders: Durchhalten. Abwarten und einen langen Atem bewahren.

Das ist mein Learning. Fest an die eigene Kraft glauben und zu wissen, dass alles gut wird. Bei einem solchen langen Lauf erfährt man viele widrigen Umstände, die einen zurück werfen könnten: Stolpersteine, Gesundheitsprobleme oder Durst und dann noch die vielen anderen Mitläufer, die einen aus dem Takt bringen. Schnelle, hitzige Läufer oder auch Bremser. Da heißt es, sich auf seine eigene innere Kraft konzentrieren und sich nicht ablenken lassen.

Mein Tempo ist nicht dein Tempo – und das ist gut so. An einigen Läufern, die mich anfangs forsch überholt hatten, konnte ich nach der Hälfte locker vorbei rennen. Ich hatte eben langsam angefangen. Meine vorsichtige Art verfliegt, wenn ich mir meiner Tagesform sicher bin, wenn ich die Lage einschätzen kann. Dann gebe ich weitere Kraftreserven frei und laufe leicht und sicher und schnell. Besser, als loszupreschen und dann am Ende Wadenkrämpfe oder Seitenstechen zu haben. In der Ruhe liegt die Kraft und in der eigenen Ruhe sowieso.

Mein Tempo ist nicht Dein Tempo.

Der eine geht schneller, der andere geht langsamer. Manch einer geht über oder an seine Grenzen und für andere ist das ganze nur Spaß. Jeder auf seine Art. Auch ich gehe nicht über meine Grenzen, denn hätte ich starke Schmerzen, würde ich den Lauf niemals wiederholen. Darin sähe ich keinen Sinn. Weshalb Schmerzen in Kauf nehmen? Andere jedoch brauchen den Schmerz, um sich und ihre Leistungsfähigkeit zu spüren.

Muskelkater, Knieprobleme oder lädierte Knochen – ja, der Körper hat alles gegeben. Diese Haltung ist nichts für mich. Ich kenne meinen Körper und versuche energiesparend zu haushalten. Mein Körper ist mir irgendwie heilig und  so wie ich mein Auto nicht mit kaltem Motor auf die Autobahn jage, behandle ich auch meinen eigenen Motor. Das dies gut ist und ich damit auch gute Ergebnisse erziele, hat sich beim Vienna City Marathon gezeigt.

Jeder auf seine Art und dann wird am Ende alles gut.